Beuys-Biographie : Eine Intervention


Joseph Beuys wird von dem PR-Berater und Ghostwriter Hans Peter Riegel posthum angeklagt, in der Hauptsache seine Geburt verrätselt, seine nichtamtliche Biographie arglistig gefälscht und den avantgardistischen Künstler Joseph Beuys jahrzehntelang nur vorgetäuscht zu haben. Angeblich sei Beuys »ein Ewiggestriger« und »bis ins Mark völkisch« gewesen. Riegels Unterstellungen gipfeln in dem absurden und verleumderischen Vorwurf, Beuys habe sich auch der vorsätzlichen Auschwitz-Relativierung schuldig gemacht.

Diese Anklageschrift erschien Ende Mai 2013 unter dem irreführenden Titel »Beuys: Die Biographie«.

In Wirklichkeit hatte Joseph Beuys zu keinem Zeitpunkt eine wahnhafte Beziehung zu den Schriften Rudolf Steiners, dem Begründer der Anthroposophie. Die legendären Begriffsbildungen von Beuys – »Soziale Plastik« und »Erweiterter Kunstbegriff« – dienten originär der Weiterentwicklung demokratischer und zutiefst humaner Gesellschaftsstrukturen durch den im Menschen sui generis vorhandenen »künstlerischen Impuls«. Der Vorwurf, den Glauben an eine »Überlegenheit des nordischen Menschen« zu propagieren, widerspricht umfassend dem Beuys’schen Kunstgedanken.

Riegels Thesen sind stattdessen Ausdruck eines monokausalen Menschenbildes, das sich als banal und vollkommen reaktionär zu erkennen gibt. Gleichsam apodiktisch verlangt er eine globale und somit vollständige Re=Vision des Gesamtwerks von Beuys, da alle seine Schüler, Künstlerkollegen, Sammler, Verleger, Ausstellungsmacher, Kuratoren und Kunstwissenschaftler etc. »kollektiv verblendet« seien.


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Einer der letzten Sozialdemokraten in der SPD


Der heute verstorbene Ottmar Schreiner – Volljurist und seit 1980 für die SPD Mitglied des Deutschen Bundestages – konnte und wollte sich nicht mit Gerhard Schröders »Agenda 2010« abfinden. Für sein sozialdemokratisches Gewissen stellte die daraus zwangsläufig resultierende ökonomische Umverteilung von unten nach oben einen eklatanten Verrat an Partei und Wähler dar. Dass ausgerechnet die SPD mit »Hartz 4« dem Sozialstaat einen mehr als schweren Schaden zufügte, das konnte der ehemalige Bundesgeschäftsführer der SPD (1998-1999) kaum ertragen. Nicht er hatte sich seit dieser Zeit von der Partei entfernt, vielmehr entfernte sich die Partei zunehmend von sich selbst.

Den Satz von Rainer Hank in der F.A.Z., der an seinem Todestag erschien, musste er nicht mehr lesen: »Hatz auf Reiche. Das könnte den Regierungen so passen: Den Steuerwettbewerb zum Ersticken bringen, um umso ungenierter auf das Geld der Reichen zugreifen zu können.«

Als die SPD noch eine sozialdemokratische Partei war, wurde er als Pragmatiker geschätzt. Aber Schröder, Müntefering, Steinbrück u.v.a. sorgten dafür, dass er zuletzt vielen als unbeweglicher Betonlinker galt. Auch jetzt wird die SPD nicht begreifen, »was da gestorben ist«.



»Wieso fasziniert Hitler?« – Eine Journalistische Bankrotterklärung


Heute – 14 Tage vor Beginn des NSU-Prozesses in München !! – bekam ich eine an mich persönlich adressierte E-Mail von Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT.

Er schrieb: »… am Donnerstag erscheint die neue ZEIT mit dem Wichtigsten aus Politik, Wirtschaft, Wissen und Kultur. Ich freue mich, Ihnen hier einige Themen der neuen Ausgabe vorstellen zu können. Ihr Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur«

Es folgte u.a. ein Thumbnail des Titelbilds der neuen Ausgabe und folgender Text:

Hitlers letzter Sieg Vor 30 Jahren fiel der »stern« auf frei erfundene Tagebücher des ›Führers‹ herein. Ein bis heute unbegreiflicher Skandal. Der mitverantwortliche Chefredakteur Felix Schmidt schrieb damals alles auf. Ein Dokument des Wahns, das er erst jetzt zum Abdruck freigibt. Außerdem: Wieso fasziniert Hitler? Antworten des Historikers Volker Ullrich und des Sozialpsychologen Harald Welzer.



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Zeichnung der Originaltitelseite                                                          Zeichnung Titelseite ohne Hitler



»Wieso fasziniert Hitler?«
Stellt sich nicht eher die Frage: Wie kommt DIE ZEIT auf die absurde Unterstellung, dass Hitler im Jahre 2013 immer noch ein Faszinosum sei? In Luftkrieg und Literatur von W.G. Seebaldt findet sich der Satz: »Elias Canetti hat das Faszinosum der Macht in ihrer reinsten Ausprägung in Verbindung gebracht mit der steigenden Zahl der von ihr aufgehäuften Opfer.« Und ist diese Frage der ZEIT nicht genau deshalb ein ungeheurer Skandal? Sind die verantwortlichen Redakteure der ZEIT so von Hitler fasziniert, dass sie wissen wollen, warum?

»Die Faszination des Bösen« oder ähnliche Themenabhandlungen verstellen seit Jahrzehnten den Blick auf die wissenschaftliche und gesellschaftliche Aufarbeitung des Deutschen Nationalsozialismus von der Gründung der rassistischen NSDAP im Jahre 1920 – ab 1921 war Hitler Parteivorsitzender – bis zum Kriegsende am 8. Mai 1945.

DIE ZEIT stellt sich nun in eine Reihe z.B. mit dem SPIEGEL und dem ZDF in Sachen Hitler-Manie/Obsession: »Hitler in Farbe« · »Hitler ganz privat« · »Hitler im Urlaub«. Das o.a. Titelblatt ist ein Beweis für den medialen Verwertungsnutzen der nationalsozialistischen Verbrechen. Ohne diese fatal-dumme Schlagzeile und die idealisierte (!!!) Darstellung Hitlers, also ohne den »medialen Hitler-Effekt« scheint DIE ZEIT das »Jubiläum« des STERN-Debakels nicht verkaufen zu wollen (s. Titelseite ohne Hitler).

Niemand wird ernsthaft bezweifeln, dass DIE ZEIT antifaschistisch und antirassistisch war und ist. Das Problem ist die marktorientierte journalistische Gedankenlosigkeit und eine politische Geschmacklosigkeit. Insgesamt: eine Bankrotterklärung.

Hinweis: Aus urheberrechtlichen Gründen wurde auf die Abbildung der Originaltitelseite verzichtet und durch eine Zeichnung ersetzt. Beim Klick auf die Zeichnung kommen Sie zur Originalseite.



Von wem ist die Rede, wenn von Suhrkamp die Rede geht?


Der Suhrkamp Verlag wurde am 20. März vom Landgericht Frankfurt dazu verurteilt, Hans Barlachs Medienholding Winterthur einen Betrag aus dem nichtoperativen Gewinn des Bilanzjahres 2010 in Höhe von 2.184.000 € – plus Zinsen in Höhe von ca. 60.000 € – zu zahlen. Das Gericht stellte in der mündlichen Urteilsbegründung fest: »Es ist in Erinnerung zu rufen, dass die Klägerin [Barlachs Medienholding Winterthur] und die Streithelferin [die Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung] in der Gesellschaftsvereinbarung klipp und klar gemeinsam festgehalten haben: ›Ziel der Klägerin ist, von den Suhrkamp-Kommanditgesellschaften möglichst hohe Ausschüttungen zu erhalten‹.« Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Vertreten wurde Suhrkamp durch die Hamburger Kanzlei Witthohn Aschmann Schellack, die die Welt auf Ihrer Website wissen lässt: »Wir entwickeln für unsere Mandanten ganzheitliche Lösungen in den Bereichen Recht, Steuern und Bilanzierung. Für die Durchsetzung der Mandanteninteressen nutzen wir unsere langjährige Erfahrung. Wir sind Spezialisten, fachübergreifend, unternehmerisch, zielorientiert und nachhaltig.« Die aus diesem Rechtsstreit bisher entstandenen Anwalts- und Gerichtskosten dürften für Suhrkamp ca. 70.000 € betragen.

Suhrkamps Pressesprecherin Tanja Postpischil erklärte: »Da uns die [schriftliche] Urteilsbegründung bislang noch nicht vorliegt, gibt es zum jetzigen Zeitpunkt keine Stellungnahme unsererseits.«

Das ist in Umrissen der schlichte Sachverhalt.

Doch es gibt ja noch so etwas wie den ›wahren Anwalt & Sprecher‹ von Suhrkamp resp. Ulla Unseld-Berkéwicz: Dr. phil. Frank Schirrmacher, Journalist, Sachbuchautor und seit 1994 Herausgeber des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seit 1999 wahrhaftig – verliehen durch den damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog – Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse. Er wird zu den bestvernetzten und einflussreichsten Zeitungsmachern Deutschlands gezählt. Selbst skandalöse Auftritte — wie z.B. die widerwärtig devote Laudatio auf den Scientologen und Schauspieler Tom Cruise bei der »Bambi«-Verleihung 2007 – bleiben für Schirrmacher letztlich ohne Folgen.

Im vorliegenden Fall entschied sich Schirrmacher offensichtlich, zunächst Sandra Kegel über die Niederlage Suhrkamps auf FAZ.NET unter dem Titel »Es geht um die Existenz« berichten zu lassen. Der Artikel endet mit folgenden Sätzen: »Barlach auf Konfrontationskurs. Für eine Stellungnahme waren bislang weder der Verlag noch Hans Barlach zu erreichen. Dass eine Gewinnentnahme, wie sie Barlach in Frankfurt jetzt erstritten hat, in dieser Größe an die Existenz des Verlages geht, steht außer Frage: Der Verlag hatte, wie auch der Anwalt Witthohn bestätigt, bisher geltend gemacht, diese Summe gar nicht aufbringen zu können. Das Frankfurter Landgericht hingegen befand, der Verlag hätte dafür ›notfalls‹ ein Darlehen aufnehmen müssen. / Wie sehr Barlach auf Konfrontationskurs geht, ist daraus ersichtlich, dass er eine Stunde nach Urteilsverkündung über seinen Anwalt per E-Mail ausrichten ließ, alle bisher laufenden Mediationsgespräche abzubrechen
Hat Frau Kegel das Urteil nicht verstanden oder will sie es nicht verstehen. Die »Gewinnentnahme« steht Barlach aus dem nichtoperativen Gewinn zu: Verkauf des Suhrkamp-Archivs, des Frankfurter Verlagshauses etc. Der Unterschied zwischen operativem und nichtoperativem Gewinn wird in dem Artikel vorsätzlich oder grob fahrlässig unterschlagen. Journalismus auf BILD-Niveau.

Während dieser Artikel online ist, beantwortet Schirrmacher dem Fernsehsender 3sat vor der Kamera die Frage, was dieses Urteil für Suhrkamp bedeute. »Für den Verlag bedeutet es eine Fortführung eines Kalten Krieges mit seinem wichtigsten Gesellschafter oder Gemein… [unverständlich]. Die entscheidende Frage aber, auch die journalistische Frage ist: was will Hans Barlach? Barlach hat vor Gericht mitteilen lassen – unlängst, er will, dass Peter Handke und Rainald Goetz aus dem Verlag geschmissen werden, weil sie ihn beleidigt hätten, was eine totale Überschreitung aller Konventionen in solchen Häusern ist. Barlach hat mitgeteilt, er glaube nicht mehr an die Mediation nach dem heutigen Urteil. Und das heißt, welche Absichten er eigentlich hat. Im Augenblick hat man den Eindruck: die Zerstörung des Verlags.« (Quelle: 3sat »Kulturzeit«, Sendung vom 20.03.2013)

Später wurde der Text von Sandra Kegel durch einen neuen Text von ihr und Edo Reents mit dem hybriden Titel »Das Urteil« ersetzt, der in der Print-Ausgabe des nächsten Tages dem Feuilleton als Aufmacher dient. Dieser Artikel unterscheidet sich in Stil und Inhalt nicht von Schirrmachers TV-Statement, entsprechend den Konventionen in solchen Häusern.


Zum Schluss mal weg von den Querelen. Wie sieht das tagtägliche Verlagsgeschäft bei Suhrkamp aus?

Nehmen wir nur ein Beispiel: Den Philosophen Hans Blumenberg (1920–1996), dessen Schriften bei Suhrkamp erschienen, zählt der Verlag auf seiner Website »fraglos zu den großen, solitären Gestalten in der Philosophie des 20. Jahrhunderts«. Das ist dann nur wohlfeiles Gerede, wenn dem keine adäquaten verlegerischen Taten folgen. Und leider muss man feststellen, dass Blumenbergs Hauptwerke – Die Genesis der kopernikanischen Welt (1975), Arbeit am Mythos (1979), Die Lesbarkeit der Welt (1981), Lebenszeit und Weltzeit (1986) und Höhlenausgänge (1989) – seit vielen Jahren nicht mehr in gebundener (oder wenigstens in broschierter) Form, sondern ausschließlich als Taschenbücher (stw) lieferbar sind. So wird sichtbar, wie sich Anspruch und Wirklichkeit auf gleichsam obszöne Weise widersprechen: Die Lesbarkeit der Welt als Taschenbuchware. Ja, bei anderen Verlagen gibt es vergleichbare Missstände. Aber Suhrkamp vergleicht sich ja sui generis nie mit anderen Verlagen.

In diesem Zusammenhang findet sich allerdings auf der Website des Verlags ein wunderbares Zeugnis postpubertärer Hybris eines 28jährigen Journalisten: »Mit Erscheinen seines Buches Die Sorge geht über den Fluß wird der literarische Rang dieses Denkers unverkennbar. Wir werden künftig, wenn wir von den führenden Schriftstellern des Landes reden, auch den Namen Blumenberg erwähnen müssen.« Veröffentlicht wurden diese altklug-gefinkelten Zeilen 1987 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der Autor: Frank Schirrmacher. Immer schon verquast.